Dr. Michael Nehls über das viel diskutierte Spurenelement Lithium, moderne Mangelversorgung und die Folgen für unsere Gesellschaft
Unsere Böden sind die Grundlage unseres Lebens. Was sie enthalten, gelangt über Pflanzen, Tiere und Wasser irgendwann auch in unseren Körper – und was ihnen fehlt, fehlt letztlich auch uns. Mineralstoffe wie Magnesium, Eisen oder Zink sind essentiell für unsere Gesundheit und wenn hier ein Mangel entsteht, können wir diese Stoffe als Nahrungsergänzungsmittel substituieren. Ein anderes Element dagegen führt bis heute ein Schattendasein: Lithium, das leichteste Metall in unserem Periodensystem.
Die meisten Menschen verbinden Lithium mit Batterien oder kennen es als Hochdosis-Medikament zur Behandlung schwerer psychiatrischer Erkrankungen. Lithium ist zwar zunächst ein natürlich vorkommendes chemisches Element, doch in den wesentlich höheren Dosierungen in der Psychiatrie werden seine Salze zugleich als Arzneimittel eingesetzt. Aber ganz generell benötigt unser Körper Lithium, wenn auch nur in geringen Dosen.
Wie viel Lithium wir auf natürlichem Wege aufnehmen, unterscheidet sich regional erheblich und hängt wesentlich von den geologischen Bedingungen sowie den tatsächlichen Lithium-Gehalten von Böden, Wasser und Lebensmitteln ab. In lithiumarmen Regionen kann die natürliche Zufuhr entsprechend sehr gering sein.
In geologisch jungen vulkanischen Regionen, etwa auf den Kanarischen Inseln, können Böden und Wasser hingegen noch vergleichsweise lithiumreich sein. Dies zeigt eine Total-Diet-Studie, die dort eine durchschnittliche Aufnahme von 3,674 Milligramm elementarem Lithium pro Tag ermittelte. Bei uns in Mitteleuropa allerdings kommt das Element durch geologische Auswaschungen häufig kaum noch vor – und damit oft in viel zu geringen Mengen für die Notwendigkeiten unseres menschlichen Organismus, der diesen Nährstoff nicht selbst herstellen kann.
Doch anders als bei anderen natürlichen Stoffen, umgibt das Thema Lithium eine wissenschaftliche und auch politische Kontroverse. Dies ist vor allem dem heute weithin bekannten Mediziner und Molekulargenetiker Privatdozent Dr. med. Michael Nehls zu verdanken, der sich seit vielen Jahren vehement für die Anerkennung von Lithium als essentielles Spurenelement einsetzt. Nehls ist überzeugt, dass große Teile der Bevölkerung chronisch mit Lithium unterversorgt sind – mit möglicherweise erheblichen Konsequenzen. Der Wissenschaftler sieht in einer unzureichenden Lithiumversorgung einen bislang unterschätzten Faktor bei der Entstehung chronischer Entzündungsprozesse, Depressionen, Angststörungen und vor allem neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer. Auch sieht er – wie die Wissenschaft generell zunehmend anerkennt – auch bei neurophysiologischen Erkrankungen nicht eine einzige Ursache, sondern vielmehr ein Zusammenspiel zahlreicher Faktoren.
Die hohe und angesichts der alternden Bevölkerung weiter zunehmende Krankheitslast durch Alzheimer, Depressionen und anderen chronischen Erkrankungen sprechen, so Nehls, eine deutliche Sprache. Prävention ist dementsprechend – worüber auch wir bei ZEOLITH WISSEN immer wieder berichten – heute der wichtigste Ansatz, den wir als Gesellschaft verfolgen können, um die Entstehung zahlreicher chronischer Erkrankungen jedenfalls zu minimieren.
Doch beim Thema Lithium folgen die zuständigen Behörden der auf einer umfangreichen wissenschaftlichen Literatur basierenden Argumentation von Nehls und anderen Wissenschaftlern bislang nicht, auch wenn sich Dr. Nehls letztes Jahr bereits in einem Vortrag im Europäischen Parlament in Straßburg für Lithium als essentielles Spurenelement einsetzte. Eine allgemein anerkannte tägliche Bedarfsempfehlung existiert ergo (noch) nicht, Lithium ist in der Europäischen Union nicht als essentieller Nährstoff anerkannt und die Supplementierung niedriger Dosen wird wissenschaftlich kontrovers diskutiert.
Die Forschung jedoch ist in Bewegung und liefert zunehmend Befunde, die zentrale Teile seiner Argumentation stützen. Für besonderes Aufsehen sorgte 2025 eine Arbeit der renommierten Harvard Medical School im Fachjournal «Nature». Die Forscher fanden heraus, dass die natürliche Lithiumhomöostase für die Gesundheit des Gehirns eine weit größere Bedeutung besitzt als bislang angenommen, denn: Bereits bei Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung waren die Lithiumkonzentrationen im präfrontalen Kortex vermindert; experimenteller Lithiummangel beschleunigte im Tiermodell zudem zahlreiche Alzheimer-typische Veränderungen. Nehls sieht dadurch in wesentlichen Teilen seine langjährige Argumentation bestätigt.
Unsere Redakteurin Katja Schmidt hat für das Info-Portal ALZHEIMER DEUTSCHLAND und auch für die Leser von ZEOLITH WISSEN mit Dr. Nehls darüber gesprochen, was Lithium überhaupt in unserem Körper macht, warum unsere natürliche Versorgung seiner Ansicht nach heute meist nicht mehr ausreicht – und weshalb die Auseinandersetzung um dieses unscheinbare Element inzwischen weit über die Medizin hinausgeht.
Das vollständige Gespräch mit PD Dr. Michael Nehls ist auf seinem YouTube-Kanal zu sehen:
→ Zum vollständigen Video-Interview: [https://www.youtube.com/watch?v=MYKWHXwxf80]
Die wichtigsten Aussagen in diesem Interview haben wir nachfolgend schriftlich für Sie zusammengefasst.
Lithium ist ein wichtiger Baustein für unsere Gesundheit, aber unser Körper kann Lithium nicht selbst herstellen
Dr. Michael Nehls (MN): „Lithium ist zunächst einmal ein natürlich vorkommendes chemisches Element, genauer gesagt das leichteste Metall unseres Periodensystems. Es ist bereits kurz nach dem Urknall entstanden. Wichtig dabei: Unser Körper kann Lithium nicht selbst herstellen. Wir sind daher darauf angewiesen, es aufzunehmen. Lithium kommt natürlicherweise in Gesteinen, Böden und Wasser vor, gelangt in Pflanzen und damit letztlich über Trinkwasser und Nahrung zu uns Menschen.
Die natürliche Lithiumzufuhr unterscheidet sich regional allerdings enorm. In lithiumarmen Regionen kann sie so niedrig sein, dass sie deutlich unter jener Größenordnung liegt, die aufgrund der verfügbaren Zahlen als physiologisch sinnvoll erscheint.
Ich bin aufgrund der wissenschaftlichen Daten davon überzeugt, dass Lithium für uns Menschen essentiell ist. Dennoch ist Lithium in der Europäischen Union bislang nicht als Mineralstoffquelle für Nahrungsergänzungsmittel zugelassen.“
PD Dr. med. Michael Nehls
MN: „Begonnen hat dies mit meiner Forschung zur Entstehung von Alzheimer. Ich wollte herausfinden, weshalb immer mehr Menschen daran erkranken und mir war bald klar, dass Alzheimer eine multisystemische Erkrankung ist, die nicht einfach mit einer einzigen Ursache in Zusammenhang steht. So kam ich auf Lithium und seine so relevanten Eigenschaften für das Gehirn. Zudem treibt mich seit vielen Jahren auch die Frage um, warum wir in der Medizin paradoxerweise so häufig erst dann reagieren, wenn ein Mensch bereits krank geworden ist, anstatt uns schon vorab viel stärker damit zu beschäftigen, was unser Organismus eigentlich benötigt, um gesund zu bleiben. Genau deshalb habe ich irgendwann meine klassische Karriere verlassen. Ich wollte unabhängig forschen, Zusammenhänge verstehen und vor allem auch frei darüber sprechen können.
Dabei bin ich übrigens immer wieder auf dieselbe Erkenntnis gestoßen, mit der Sie sich ebenfalls beschäftigen: Wir Menschen haben uns in relativ kurzer Zeit eine Umwelt geschaffen, die sich fundamental von jener unterscheidet, an die sich unser Organismus über viele Jahrtausende angepasst hat. Je intensiver ich mich mit den wissenschaftlichen Daten beschäftigt habe, desto klarer wurde mir, dass Lithium nicht einfach irgendein pharmakologisch wirksamer Stoff ist, sondern in bestimmten physiologischen Mengen ganz grundlegende biologische Funktionen erfüllt. Ich bin deshalb überzeugt, dass wir Lithium als essentielles Spurenelement betrachten und heute vor allem auch dringend substituieren müssen.
All das sind die Gründe, warum ich mich heute so vehement dafür einsetze. Das hat auch einen moralischen Aspekt: Wenn ich aufgrund meiner wissenschaftlichen Arbeit zu der Überzeugung komme, dass ein vermeidbarer Mangel zur Entstehung chronischer Erkrankungen beitragen kann, dann kann ich nicht einfach sagen: Das ist jetzt unbequem, darüber spreche ich lieber nicht. Dann möchte, dann muss ich etwas verändern, auch wenn man zunächst mit Gegenwind rechnen muss.“
Wenn langfristig zu wenig Lithium im Organismus verfügbar ist, können sich neuroinflammatorische Prozesse entwickeln, die, wie auch die Wissenschaft mittlerweile bestätigt, an der Entstehung zahlreicher Krankheiten beteiligt sind. Daher kann ein chronischer Mangel das Risiko für Alzheimer, Depressionen und weitere neuropsychiatrische Erkrankungen erhöhen.Dabei darf man natürlich nicht den Fehler machen, Lithium isoliert zu betrachten. Chronische Erkrankungen sind multifaktoriell. Viele Menschen haben Vitamin-D-Mangel, Omega-3-Mangel, Bewegungsmangel, chronischen Stress, fehlende soziale Interaktion und leben mit verschiedensten Umweltbelastungen. Jeder Mensch bringt seine eigene Kombination mit.“
PD Dr. med. Michael Nehls
MN: „Natürlich habe ich die Studie begrüßt. Für mich bestätigt sie vieles, worauf ich schon lange hinweise. Die Forscher haben menschliche Gehirne untersucht und festgestellt, dass Lithium als einziges der analysierten Metalle bereits bei leichter kognitiver Beeinträchtigung vermindert war. Außerdem zeigte sich, dass Amyloid-Plaques Lithium binden können und es dadurch dem umliegenden Gewebe entziehen.
Besonders interessant ist auch das Mausmodell. Dort wurde die natürliche Lithiumversorgung reduziert. Bereits eine ungefähr 50-prozentige Verminderung des Lithiums im Gehirn führte zu Veränderungen, wie wir sie bei Alzheimer sehen: mehr Amyloid- und Tau-Pathologie, Entzündungsprozesse, Schäden an neuronalen Strukturen und kognitive Beeinträchtigungen.
Separat behandelten die Forscher Alzheimer-Mausmodelle und alternde Wildtyp-Mäuse mit sehr niedrig dosiertem Lithiumorotat. Dabei wurden die Alzheimer-Pathologie und Gedächtnisdefizite verhindert beziehungsweise teilweise rückgängig gemacht; die Serum- und Gehirnkonzentrationen lagen dabei im Bereich der endogenen Lithiumkonzentrationen. Natürlich ist eine Maus kein Mensch. Das Experiment zeigt aber sehr eindrucksvoll, dass Lithium eine grundlegende physiologische Funktion für die Gesundheit des Gehirns besitzt. Dies sehen auch die Kollegen grundsätzlich so, die die Studie durchgeführt haben.“
MN: „Der Spurenelementforscher Gerhard Schrauzer hat bereits 2002 eine tägliche Zufuhr von ungefähr einem Milligramm elementarem Lithium für Erwachsene vorgeschlagen. Nach meinen Analysen ist das eine vernünftige Größenordnung.
Wir sprechen hier also über ganz geringe physiologische Mengen. Das hat überhaupt nichts mit den hohen pharmakologischen Dosen zu tun, die zur Behandlung bipolarer Erkrankungen oder schwerer klinischer Depressionen eingesetzt werden. Dort können Nebenwirkungen auftreten und deshalb müssen die Lithiumspiegel ärztlich kontrolliert werden.
Diese beiden Dinge werden aber leider ständig miteinander vermischt – man hat das mulmige Gefühl, als sei das gewollt: auf der einen Seite Lithium als Medikament in hoher Dosierung, auf der anderen Seite eine Mini-Substitution, die ein gesunder menschlicher Organismus physiologisch benötigt. Das geht aber eben nur, wenn Lithium endlich als «essentiell» eingestuft wird und die Menschen Lithium so einfach additiv nehmen können wie Omega-3 oder Vitamin D. Das ist das Ziel meiner Arbeit. Eine regulär zugelassene, niedrig dosierte Supplementform steht deshalb bislang nicht zur Verfügung und Lithiumsalze werden als verschreibungspflichtige Arzneimittel eingesetzt.“
MN: „Natürlich brauchen wir Forschung. Ich bin Wissenschaftler und habe mein Leben lang geforscht. Aber irgendwann muss man sich halt auch fragen, wie viele Belege man denn noch benötigt. Wir haben so viele epidemiologische Daten, wir haben eine breite Grundlagenforschung, wir kennen die molekularen Mechanismen und inzwischen haben wir diese große Harvard-Arbeit. Doch für die Anerkennung wird faktisch ein Humanbeleg für die funktionellen beziehungsweise strukturellen Folgen eines Mangels und deren Verhinderung oder Reversibilität verlangt. Im Kontext der heutigen Alzheimer-Daten führt diese Messlatte letztlich zu der Forderung, Alzheimer-relevante Veränderungen durch Lithium verhindern oder behandeln zu können. Das halte ich wissenschaftlich für eine problematische Messlatte bei einem multifaktoriellen Krankheitsprozess.
Seit wann muss ein essentieller Nährstoff beweisen, eine komplexe chronische Erkrankung im Alleingang zu verhindern? Vitamin D ist auch nicht deshalb essentiell, weil es allein jede Erkrankung verhindert und auch Omega-3 allein schützt noch nicht vor einem Herzinfarkt.
Lithium wird schlicht und ergreifend – wie andere Nährstoffe auch – ganz elementar für bestimmte physiologische Prozesse benötigt und ein Mangel kann auf Dauer eben große gesundheitliche Konsequenzen haben, denn aus meiner Sicht erfüllt die heutige Gesamtevidenz die funktionalen Kriterien der Essentialität längst.“
PD Dr. med. Michael Nehls
MN: „Weil die Folgen aus meiner Sicht viel zu groß sind, um die Frage noch Jahrzehnte zu vertagen. Wir erleben bekanntlich massiv steigende Zahlen bei Depressionen, Angststörungen, neurodegenerativen Erkrankungen und anderen chronischen Gesundheitsproblemen, die Medien sind voll davon und unsere Gesundheits- und Pflegesysteme sind längst überlastet. Überall wird, so heißt es jedenfalls, nach Lösungen gesucht und Lithium ist meines Erachtens nach ein wichtiger Teil davon. Natürlich behaupte ich nicht, dass Lithium die alleinige Antwort auf die Prävention neurodegenerativer oder neuropsychiatrischer Erkrankungen ist, auch Lithium ist kein Allheilmittel.
Aber wenn eine chronisch unzureichende Versorgung einen Teil zu dieser Entwicklung beiträgt, dann halte ich es für unverantwortlich, diesen Faktor nicht ernsthaft anzugehen. Und natürlich stelle ich mir dann irgendwann die Frage, warum die Hürden für ein natürlich vorkommendes Spurenelement so hoch sind, während wir gleichzeitig enorme Summen für die Behandlung der daraus mitbedingten Erkrankungen ausgeben. Genau darüber möchte ich eine gesellschaftliche Debatte führen.“
Wer dieses Interview ganz sehen möchte, geht auf den YOUTUBE-Kanal von Dr. Michael Nehls:
→ Zum vollständigen Video-Interview: [LINK]
Dr. Michael Nehls

Dr. med. Michael Nehls – Wissenschaftler mit einer Mission
Privatdozent Dr. med. Michael Nehls ist Arzt, habilitierter Molekulargenetiker und Wissenschaftsautor. Nach seinem Medizinstudium arbeitete er viele Jahre in der molekulargenetischen Grundlagenforschung im In- und Ausland, unter anderem in den USA. Er veröffentlichte mehr als 50 wissenschaftliche Originalarbeiten, darunter Publikationen gemeinsam mit Nobelpreisträgern, war leitender Genomforscher eines US-amerikanischen Unternehmens und später Forschungsleiter und Vorstandsvorsitzender eines deutschen Biotechnologie-Unternehmens.
Doch Nehls verließ seine klassische wissenschaftliche Karriere, um sich unabhängig einer Frage zu widmen, die ihn bis heute umtreibt: Warum werden immer mehr Menschen chronisch krank – und was können wir tun, bevor Krankheit überhaupt entsteht?
Ein Schwerpunkt seiner Arbeit wurde die Alzheimer-Demenz und die Rolle, die Lebensstil, Umwelt und Mikronährstoffversorgung für die Gesundheit unseres Gehirns spielen. Für seine wissenschaftlichen Arbeiten erhielt Nehls 2015 den Hanse-Preis für Molekulare Psychiatrie der Universitätsmedizin Rostock.
Heute gehört er zu den prominentesten Vertretern der These, dass Lithium ein essenzielles Spurenelement für den Menschen ist und eine unzureichende Versorgung weitreichende gesundheitliche Folgen haben kann. Mit Vorträgen, Interviews und zahlreichen Büchern, u. a. darunter «Die Alzheimer-Lüge», «Die Formel gegen Alzheimer», «Das erschöpfte Gehirn» und zuletzt «Das Lithium-Komplott – Plädoyer für ein essenzielles Spurenelement» versucht Nehls, das Thema nicht nur in die wissenschaftliche, sondern auch in die gesellschaftliche und politische Diskussion zu bringen.
Weitere Informationen zur Arbeit von Dr. Michael Nehls:
BUCHTIPP: „Das Lithium-Komplott“

Ein Spurenelement, eine wissenschaftliche Kontroverse – und viele unbequeme Fragen
Schon der Titel lässt keinen Zweifel daran, dass Michael Nehls mit diesem Buch nicht nur informieren will. «Das Lithium-Komplott – Plädoyer für ein essentielles Spurenelement» ist wissenschaftliches Sachbuch, medizinisches Plädoyer und gesellschaftspolitische Streitschrift zugleich.
Im Mittelpunkt steht Nehls‘ zentrale These: Lithium ist für den menschlichen Organismus essentiell, doch große Teile der Bevölkerung – insbesondere in Regionen mit lithiumarmen Böden und Wasser – nehmen heute nicht mehr ausreichend davon auf. Diesen Mangel bringt er auf Grundlage einer umfangreichen wissenschaftlichen Literatur mit chronischen Entzündungsprozessen, Alzheimer-Demenz, Depressionen und Angststörungen bis hin zu Suizidalität und aggressivem Verhalten in Verbindung.
Doch Nehls bleibt nicht bei Medizin und Biochemie. Er fragt, warum Lithium trotz der aus seiner Sicht längst überzeugenden wissenschaftlichen Daten bis heute nicht als essenzielles Spurenelement anerkannt wird und warum niedrig dosierte Lithiumpräparate in Europa nicht wie andere Nahrungsergänzungsmittel zur Verfügung stehen.
Nehls hält die jahrzehntelange Zurückhaltung nicht mehr allein mit wissenschaftlicher Vorsicht für erklärbar. Er diskutiert offensiv wirtschaftliche Interessen, institutionelle Strukturen und schließlich sogar die gesellschaftspolitische Frage, wem eine Bevölkerung nützen könnte, die psychisch immer stärker belastet, ängstlicher und weniger widerstandsfähig wird.
Das ist provokant – und selbstverständlich kein wissenschaftlicher Konsens. Aber Nehls formuliert diese Fragen ganz bewusst. Sein Buch möchte aufrütteln und eine Debatte hervorrufen, die seiner Ansicht nach viel zu lange vermieden wurde.
Besondere Aktualität hat «Das Lithium-Komplott» inzwischen durch eine international viel beachtete veröffentlichte Harvard-Studie gewonnen (2025). Diese liefert bemerkenswerte neue Hinweise darauf, dass die natürliche Lithiumhomöostase für die Gesundheit und Alterung des Gehirns tatsächlich eine größere Rolle spielen könnte als lange angenommen.
Fazit: Man muss Michael Nehls nicht in jeder Schlussfolgerung folgen, um dieses Buch ausgesprochen lesenswert zu finden. Denn «Das Lithium-Komplott» stellt eine grundsätzliche Frage, die weit über Lithium hinausgeht: Wie lange dürfen wir bei der Prävention chronischer Erkrankungen warten, wenn sich wissenschaftliche Hinweise verdichten, aber noch nicht jede Frage abschließend beantwortet ist?
Mental Enterprises, 2025. ISBN 978-3-9814048-9-0.
Weitere Informationen zum Buch:
Studien und Quellen:
Die viel beachtete Arbeit aus der Harvard Medical School untersuchte erstmals systematisch die natürliche Lithiumhomöostase im alternden Gehirn. Bei Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI) und Alzheimer fanden die Forscher verminderte Lithiumkonzentrationen im präfrontalen Cortex; Lithium war dabei das einzige der 27 untersuchten Metalle, das bereits bei MCI signifikant reduziert war. Zudem zeigte sich, dass Amyloid-Ablagerungen Lithium binden und dadurch dessen Bioverfügbarkeit im umliegenden Gewebe verringern können. Im Mausmodell führte eine etwa 50-prozentige Reduktion des kortikalen Lithiums zu verstärkter Amyloid- und Tau-Pathologie, Neuroinflammation, dem Verlust von Synapsen, Axonen und Myelin sowie beschleunigtem kognitivem Abbau. Lithiumorotat konnte zahlreiche dieser Veränderungen in den untersuchten Mausmodellen verhindern. Die Autoren folgern, dass eine gestörte Lithiumhomöostase ein frühes Ereignis in der Alzheimer-Pathogenese darstellen und eine Lithiumsubstitution einen möglichen Ansatz für Prävention und Therapie bieten könnte.
Der Spurenelementforscher Gerhard N. Schrauzer beschäftigte sich bereits 2002 ausführlich mit der Frage, ob Lithium als essenzieller Mikronährstoff betrachtet werden sollte. Seine Übersichtsarbeit zeigt, dass Lithium natürlicherweise in sehr unterschiedlichen Mengen in Lebensmitteln und Trinkwasser vorkommt und die tägliche Aufnahme deshalb stark von Wohnort und Ernährungsweise abhängt. Als wichtige Nahrungsquellen nennt Schrauzer insbesondere Getreide und Gemüse; regional kann auch Trinkwasser erheblich zur Versorgung beitragen. Auf Grundlage der damals verfügbaren experimentellen und epidemiologischen Erkenntnisse argumentierte er für eine ernährungsphysiologische Bedeutung von Lithium und schlug für einen 70 Kilogramm schweren Erwachsenen eine vorläufige tägliche Zufuhr von 1.000 µg – also einem Milligramm – vor. Diese Empfehlung ist allerdings bis heute kein offiziell anerkannter Referenzwert.
Diese Untersuchung zeigt besonders anschaulich, wie stark die natürliche Lithiumaufnahme regional variieren kann. Die Forscher analysierten 440 Lebensmittel- und Getränkeproben auf den Kanarischen Inseln und berechneten daraus die tägliche Aufnahme verschiedener Spurenelemente. Für Lithium ergab sich eine durchschnittliche Zufuhr von rund 3,67 Milligramm pro Tag – wobei Getreideprodukte den größten Beitrag zur Lithiumaufnahme leisteten und besonders hohe Konzentrationen in Nüssen gefunden wurden. Die Arbeit belegt damit keine gesundheitliche Wirkung dieser höheren Zufuhr, zeigt aber eindrucksvoll, dass Menschen abhängig von Geologie, Ernährung und Lebensraum sehr unterschiedlichen natürlichen Lithiummengen ausgesetzt sein können.
Im europäischen GEMAS-Projekt wurden mehr als 2.100 landwirtschaftlich genutzte Böden aus 33 europäischen Ländern untersucht, um unter anderem die räumliche Verteilung von Lithium zu erfassen. Die Ergebnisse zeigen erhebliche regionale Unterschiede: Die Lithiumkonzentrationen werden auf kontinentaler Ebene vor allem durch Geologie, Ausgangsgestein, Bodenentstehung, Alter und Verwitterungsprozesse bestimmt. Auffällig waren dabei deutliche Unterschiede zwischen nord- und südeuropäischen Böden. Wichtig für die Einordnung: Die Studie belegt keine generelle moderne „Lithiumverarmung“ europäischer Böden durch Landwirtschaft; anthropogene Einflüsse fanden die Autoren auf dieser Skala überwiegend nur lokal. Sie liefert vielmehr eine geochemische Grundlage dafür, warum die natürliche Lithiumverfügbarkeit innerhalb Europas regional stark variieren kann.
Wie sehen physiologische Lithiumspiegel bei Menschen aus, die keine Lithiumtherapie erhalten? Dieser Frage ging eine deutsche Studie mit 928 Teilnehmern aus der Allgemeinbevölkerung nach. Die mediane Lithiumkonzentration im Plasma lag bei lediglich 0,96 µg/L. Zugleich fanden die Forscher Zusammenhänge mit Ernährung und Stoffwechsel: Höhere physiologische Lithiumspiegel waren unter anderem mit einem Ernährungsmuster verbunden, das mehr Kartoffeln, Blatt- und Wurzelgemüse, Obst und Tee enthielt. Dieses Muster erklärte allerdings nur rund 8,6 Prozent der Variation der Lithiumwerte. Die Studie zeigt damit vor allem, dass sich die natürliche Lithiumexposition im menschlichen Blut messen lässt und zumindest teilweise mit Ernährungsgewohnheiten zusammenhängt.
Eine der frühen experimentellen Arbeiten zur möglichen Essentialität von Lithium stammt aus dem Jahr 1992. Die Forscher fütterten Ratten über mehrere Generationen mit extrem lithiumarmen beziehungsweise lithiumhaltigen Diäten und untersuchten insbesondere Wachstum und Fortpflanzung. Bei den lithiumarm ernährten Tieren zeigten sich unter anderem geringere Entwöhnungsgewichte sowie in späteren Generationen kleinere Würfe und geringere Geburtsgewichte. Die Autoren kamen deshalb zu dem Schluss, dass Lithium bei Ratten wahrscheinlich eine essenzielle Nährstofffunktion besitzt. Für die heutige Debatte ist die Arbeit historisch bedeutsam, sie liefert jedoch keinen direkten Nachweis einer Essentialität beim Menschen.
Diese deutsch-japanische Arbeit untersuchte einen besonders spannenden möglichen Zusammenhang zwischen sehr niedrigen Lithiumkonzentrationen und Lebenserwartung. In 18 Gemeinden der japanischen Präfektur Oita mit insgesamt mehr als 1,2 Millionen Einwohnern waren höhere natürliche Lithiumkonzentrationen im Leitungswasser statistisch mit einer geringeren Gesamtsterblichkeit verbunden – auch nach zusätzlicher Berücksichtigung der Suizidrate. Ergänzend testeten die Forscher niedrige Lithiumkonzentrationen am Modellorganismus Caenorhabditis elegans und beobachteten bei 10 µM Lithiumchlorid eine verringerte Mortalität.
Die österreichische Studie untersuchte 6.460 Trinkwasserproben aus allen 99 Bezirken Österreichs und verglich die natürlichen Lithiumkonzentrationen mit den regionalen Suizidraten. Dabei zeigte sich eine statistisch signifikante inverse Beziehung: Regionen mit höheren Lithiumkonzentrationen im Trinkwasser wiesen niedrigere Suizidraten auf. Der Zusammenhang blieb auch nach Berücksichtigung verschiedener sozioökonomischer Faktoren wie Einkommen, Bevölkerungsdichte und regionaler psychiatrischer Versorgung bestehen. Die Untersuchung gehört damit zu den häufig zitierten epidemiologischen Hinweisen auf mögliche neuropsychiatrische Wirkungen natürlicher Lithiumexposition.
Diese große dänische Untersuchung verknüpfte langfristige Lithiumexposition über das Trinkwasser mit Daten von 73.731 Menschen mit Demenz und mehr als 733.000 Kontrollpersonen. Bei den höchsten untersuchten Lithiumkonzentrationen von 15,1 bis 27,0 µg/L war die Demenzrate gegenüber der Referenzgruppe signifikant niedriger; für Alzheimer allein zeigte sich in dieser Gruppe ebenfalls eine geringere Erkrankungsrate. Allerdings verlief der Zusammenhang nicht linear: Im Bereich von 5,1 bis 10,0 µg/L lag die Demenzrate sogar höher als in der Referenzgruppe. Die Autoren formulierten daher, dass eine höhere langfristige Lithiumexposition möglicherweise mit einer geringeren Demenzinzidenz verbunden sein könnte.
Die Forscher werteten 6.180 Trinkwasserproben aus 234 texanischen Counties aus und setzten die natürlichen Lithiumkonzentrationen mit Veränderungen der altersadjustierten Alzheimer-Sterblichkeit in Beziehung. Während die Alzheimer-Mortalität im Untersuchungszeitraum insgesamt um 27 Prozent zunahm, zeigte sich eine statistisch signifikante inverse Korrelation mit den Lithiumkonzentrationen im Trinkwasser: Regionen mit höheren Spurenkonzentrationen wiesen tendenziell geringere Zunahmen der Alzheimer-Sterblichkeit auf. Die Signifikanz blieb nach Kontrolle zahlreicher Einflussfaktoren bestehen, allerdings nicht bei allen Modellen unter Einbeziehung von Bewegungsmangel, Adipositas und Typ-2-Diabetes.



